Tag 28 – Marathon
Früh geht es heute aus den Federn. Für unsere derzeitigen Verhältnisse heisst das 8 Uhr. Taschen wollen gepackt und die restlichen Lebensmittel verfrühstückt werden. Draussen ist es nass und es soll laut Prognose den ganzen Tag über regnerisch, kühl und windig sein. Das macht die Abreise etwas leichter. Trotzdem gehen wir nochmal auf den Balkon, ein bisschen Abschied weinen.

Nach dem Frühstück bleiben nicht mehr viele Lebensmittel übrig. Gewürze, Knabberzeugs, eine angebrochene Flasche Ouzo sowie zwei Flaschen Wasser für unterwegs haben bequem in einer Einkaufstasche Platz. Morgen werden wir die Reste davon auf unser Reisegepäck verteilen.

Bis zum Eintreffen der Putzequippe machen wir noch ein wenig Ordnung. Frottéewäsche sammeln, Spülmaschine ausräumen, restliches Geschirr spülen, Müllsäcke rausstellen. Pünktlich um 10 Uhr übergeben wir den Schlüssel und verladen unser Gepäck. Navi programmieren, Abfahrt.
Die ersten 30 Minuten dauert die Fahrt, um den Pilion zu verlassen. Ab da sind es knapp 300 km auf der Autobahn A1, die Thessaloniki mit Athen verbindet. Wie gehabt fährt es sich entspannt, obwohl mindestens doppelt so viel Verkehr wie sonst herrscht – also 4 Autos anstatt 2. Statt des angekündigten Regens bricht die Sonne hervor und wir müssen unsere Sonnenbrillen hervorkramen. Frechheit!

Nach zwei Stunden verlassen wir die Autobahn nach Kamena Vourla an der Küste des Golfs von Malia. Georgs Fischtaverne hat nette Plätze direkt am Strand. Und eine noch nettere Dorade mit einem Kampfgewicht von knapp über einem Kilo. Der Holzkohlengrill ist gerade frisch angefeuert und nimmt den produktiven Betrieb für uns auf. Schüsseln mit frittierten Gemüsen und einem gedämpften Bohnengericht werden zum Fisch gereicht. Letzterer kann mit der Qualität von Kato Gatzea nicht mithalten, ist aber trotzdem ganz passabel. Finden auch die Katzen, denen wir ein kleines bisschen davon spendieren.
Mehr als passabel ist immer noch das Wetter. Immer noch kein Regen. Statt dessen eitler Sonnenschein. Lange wird es sich nicht mehr halten, denn von Norden rückt eine dicke Front näher. Wir bezahlen unser Mahl und erhalten zwei Mini-Glacé aufs Haus.

Weiter gehts, nach Süden, immer schön der Sonne, aber leider auch der Abreise entgegen. Nach 90 Minuten verlassen wir die Autobahn und fahren durch hügeliges Terrain Richtung Marathon.
Hier wurden im Jahr 490 vor Christus die Perser vernichtend geschlagen, was als entscheidender Moment für den Erhalt der westlichen Zivilisation gilt. Von hier lief der Bote Pheidippides die 40 km nach Athen, um den Sieg zu verkünden, bevor er erschöpft starb. An diesem Ort steht der marmorene Staudamm, der 1920 für die Versorgung der Athener mit Trinkwasser erbaut wurde. Nichts davon hat für uns irgendeine Bedeutung, weil wir schnurstracks in den Ortsteil Nea Makri fahren, zum Golden Coast Hotel, wo wir uns für eine Nacht ein Zimmer gebucht haben.
Eine All-inclusive-Ferienanlage. Man meldet sich an der Barriere mit seinem Namen an und wird eingelassen. Dann erhält man beim Check-In an der Reception ein buntes, widerstandsfähiges Bändelchen um das Handgelenk. Alles ist eingezäunt – das gesamte Gelände, der Zugang zum Strand, selbst die beiden Pools. Es hat den Charme einer Viehzucht und ich bin froh, dass wir nicht noch ein Brandzeichen aufgedrückt bekommen haben. Überraschend viele Gäste sind anwesenden und das sorgt für eine gewisse Geräuschkulisse.
Unser Zimmer ist zweckmässig. Alles macht aber einen verbrauchten Eindruck. Die hauseigene Poolbar sieht aus wie ein Kiosk im öffentlichen Freibad. Für 10 Euro erstehen wir einen Mojito, der tatsächlich in einem Pappbecher serviert wird. Und auch so schmeckt. Mit all diesen Eindrücken geläutert steht für uns schon mal fest, dass wir auf das all-inclusive-Buffet verzichten werden.

Der Schlachtplan ist sofort gefasst. Zuerst rüsten wir unser Gepäck für eine schnelle Flucht morgen. Auch unsere restlichen Lebensmittel finden gut darin Platz. Dann duschen und ausgehfein machen, wir fahren zur Strandpromenade von Nea Makri.
Aus irgendeinem Grund funktioniert auf keinem unserer Handys der 5G-Internetempfang mehr. Ziemlich blöd, wenn man sich auf Google Maps als Navigations-App verlässt. Es gibt keine Beschilderung, die den Weg weist. Irgendwann biegen wir spontan links ab und fahren durch enge Gassen. In einem Fall von der falschen Seite her in eine Einbahnstrasse, wie dem entgeisterten Blick eines Passanten zu entnehmen ist. Aber die Richtung stimmt, irgendwann biegen wir in einen breiten Boulevard ein. Rechts das Meer, links eine Kneipe nach der anderen. Es ist die totale Touri-Meile. Jetzt mag es noch beschaulich sein, aber zur Hochsaison sind wir besser woanders.
Parkplätze gibt es genug. Gemächlich spazieren wir der Promenade entlang, bis wir in einem italienischen Restaurant namens Trattoria ein gemütliches Plätzchen finden. Die Bedienung ist sehr freundlich, wirkt aber bei unseren offensichtlich ungewöhnlichen Wünschen ein wenig irritiert. Wir wollen tatsächlich vor der Bestellung die Flasche Wein sehen und einen Eisbeutel haben, um sie von Zimmertemperatur herunterzukühlen.
Die hausgemachten Ravioli sind dann tatsächlich sehr lecker, die Penne ganz ok. Ein Blick auf andere Tische zeigt, dass die Pizza recht ordentlich zu sein scheint. Für die Touri-Meile zur Vorsaison kann man es gelten lassen. Es herrscht ein angenehmer Geräuschpegel und so lassen wir uns gemütlich Zeit, bis wir in unser Hotel zurückkehren.

Die Hotelwache identifiziert uns anhand der bunten Bändelchen und öffnet die Barriere zu unserem Gehege. Beim Restaurant läuft gerade ein Animationsprogramm und wir sind froh, dass wir nicht dabei sein mussten. Ganz können wir uns dieser Pauschalreisen-Romantik nicht entziehen. Dazu trägt nicht nur der laute Fernseher im Nachbarzimmer bei, sondern auch die diversen Gruppen von Heimkehrern, die mit ihrem feinen Gespür für Rücksichtnahme laut quakend vor unserer Tür durchwalzen. Ohne unsere Ohrenstöpsel wäre hier an Schlafen nicht zu denken. Jetzt nur nochmal kurz aufstehen und die Balkontür schliessen, damit der Zigarettenqualm von draussen nicht in unser Zimmer strömt. Und die Klimaanlage einschalten, weil es sonst schnell zu warm wird.
Rückblickend hätten wir doch besser ein Airbnb auf dem Lande genommen. Unsere Entscheidung wurde von den Wetterprognosen beeinflusst und dem Wunsch, den letzten Abend am Meer zu verbringen. Auf AirBnB war nichts Passendes in unserer Preisklasse zu finden. Wir pokerten darauf, dass in der Vorsaison auch in einem Hotel nicht so viel los ist und wir bei Regen die Möglichkeit haben, im Hause essen zu gehen. Preislich gibt es keine Vorteile, wir bezahlen hier genau so viel wie für das Haus in Kato Gatzea.
Das Wetter blieb trocken. Offensichtlich haben solche Hotels immer Saison. Mit einem Auto ist man flexibel und nicht auf Hotelrestaurants angewiesen. Lektion gelernt, würde ich sagen.
Mit dem eSIM Support Chat kriege ich auch unser Internetproblem geregelt. Offenbar hat das Captive Portal des Hotel-WLAN irgendwelche Einstellungen verhunzt, was zur Sperrung unserer 5G Pläne geführt hat. Wir erhalten zwei neue Pläne aufgeschaltet. Wenigstens etwas. In diesem Sinne, Gute Nacht.