Tag 19 – Arta
Wo ist der Wind hin? Wo gestern noch Schaumkronen das Meer zierten, liegt heute eine spiegelglatte Fläche vor uns.
In der Taverne nebenan wird das im Zimmerpreis inkludierte Frühstück serviert. Wir lernen dabei unsere Gastgeberin Georgia kennen, bei deren Willkommen die Sonne gleich ein zweites Mal aufgeht. Unter «Frühstück» versteht sie eine einschüchternde Menge an Tellern voller kalter, warmer, salziger und süsser Speisen. Dazu Brot, drei verschiedene Sorten Marmelade sowie Joghurt und Orangenfilets.

Wir befinden uns in der Region Epirus, wo deren Hauptstadt Arta gleich in unserer Nachbarschaft liegt. Touristisch gesehen hat sie keine grosse Bedeutung. Dennoch gibt es ein paar historische Monumente zu bewundern. Außerdem soll sie eine lebendige Innenstadt haben, wovon wir uns mit eigenen Augen überzeugen möchten.
Für uns beginnt das Highlight bereits mit der Fahrt über die Dämme und Zwischeninseln, wo man ständig irgendwie von Wasser umgeben ist.

Knapp 30 Minuten später parken wir unseren grünen Lastzwerg bei der ersten Sehenswürdigkeit, der historischen Brücke von Arta über den Fluss Arachthos.


Schon in der Antike gab es hier den einen oder anderen Übergang. Das uns vorliegende Exemplar wurde unter osmanischer Herrschaft Anfang der 1600er erbaut. Spannweite rund 140 Meter. Der Legende nach stürzte während des Baus jede Nacht der Arbeitsfortschritt eines Tages ein, bis der Baumeister seine Frau in einem der Fundamente eingemauert habe. Ich möchte gerne einmal die Meinung eines Statikers dazu hören. Gerne auch unverheiratet…
Für den Besuch der Innenstadt empfiehlt es sich, sein Auto zu verholen. Die größte Herausforderung des Tages, so stellt sich heraus, ist, einen Parkplatz zu finden. Es gibt keine offiziellen Parkplätze. Hier werden die Autos entlang den Strassen abgestellt. Autos stehen förmlich Stossstange an Stossstange und es ist keine Lücke zu finden, in die unser Schrumpfdero zu passen scheint.
Da! In einer Seitengasse, ein Unterbruch in der stehenden Auto-Polonäse. Ich glaube, ich habe zuletzt in der Fahrschule seitwärts eingeparkt. Und unsere rasende Couscous-Schüssel hat keinerlei Einparkhilfe. Hinter uns andere Autos, während ich versuche, das Manöver behutsam, ohne bleibenden Schaden, über die Bühne zu bringen. Ich ernte leicht genervte Blicke von vorbeifahrenden Lenkern, als wir die Strasse endlich freigeben. Siga Siga?!
Etwas später fällt uns auf, dass hierzulande die Warnblinkanlage eingeschaltet wird, wenn man ein Parkmanöver vornimmt. Hier gehören Touristen nicht zum gewohnten Stadtbild und man darf hier deshalb keinen Idiotenbonus erwarten. Man lernt niemals aus.
Vor uns liegt eine gepflegte Einkaufsstrasse. Alles ist ausschließlich griechisch angeschrieben. Eine englische Übersetzung sucht man vergeblich, es sei denn, es gehört zum Namen des Geschäfts. Das gilt auch für die zahlreichen Tavernen, die an allen möglichen Ecken und Plätzen zu finden sind. Die Menschen sind gepflegt, Bettler gibt es hier keine, bzw. können wir keine ausmachen. Irgendwie haben wir vergessen, Fotos zu machen. Ist halt nicht touristisch, ne? Vielleicht lag’s auch am Ouzo.

Auf dem Weg zur Festung beschreiten wir die Fischgasse. Keine Ahnung, ob sie wirklich so heisst, aber hier reiht sich ein Fischgeschäft an das andere. Hier befindet sich auch die Markthalle, wo täglich frische Lebensmittel feil geboten werden. Leider beginnt hier gerade die Mittagsruhe, so dass wir uns nicht in Ruhe umschauen und verzaubern lassen können.
Die Festung sieht aus, wie alle anderen Festungen aussehen. Hinein gehen wir nicht. Pflichtschuldig schiessen wir dieses eine Foto von aussen und gehen langsam wieder in Richtung unseres Autos zurück.

Auf der Rückfahrt nach Koronisia fällt auf, das schon wieder Wellen gegen den Damm schlagen. Es herrscht wieder Westwind, der offenbar täglich um 15 Uhr herum auffrischt.
Da die benachbarte Taverne in der Vorsaison um 18 Uhr schliesst, haben wir ein Rendezvous um 16 Uhr vereinbart. Der junge Wirt zeigt uns stolz seine Auswahl an Meeresgetier. Die Insel hat eine Fischereitradition, wer auf der Suche nach einem Steak ist, ist hier fehl am Platz. Wir entscheiden uns für eine Graue Meeräsche, einem lokalen Fisch. Wir hatten schon Bessere, aber er war ganz ok.
Trotz des Windes ist es immer noch angenehm warm. Es ist ein schöner, sonniger später Nachmittag und wir entscheiden uns spontan für einen kleinen Spaziergang zu den südlichen Dämmen.

Diese Dämme verbinden Koronisia mit zwei kleineren Inseln und erzeugen so eine Lagune. Unser Weg führt im Uhrzeigersinn um diese Lagune herum. Es ist wie ein langer Sandstrand, der beidseitig am Wasser liegt. Die Brandung kommt nur von aussen, also von unserer Laufrichtung aus gesehen von links.


Auf der ersten Insel Ákra Korakónisa, dem «Kap der Rabeninseln», befindet sich der Friedhof von Koronisia und eine Kapelle. Von Raben weit und breit keine Spur. Dafür begrüssen wir am südlichen Ende, am Übergang zum nächsten Damm, ein älteres deutsches Paar, das sich hier mit seinem Camper häuslich eingerichtet hat. Bester Platz!

Es sind auffällig viele Muscheln auf den Dämmen zu sehen. Tatsächlich besteht die oberste Schicht aus zerriebenem Muschelmaterial. Leider finden sich hier auch die unschönen Seiten der Zivilisation. Überall liegt Müll herum, und so wie es aussieht, wurde dieser nicht nur von der Brandung hergetragen.

Der Damm geht in die zweite Insel Péra Nisí, der «Jenseitigen Insel», über. Mittlerweile hat sich unser kleiner Spaziergang in eine mittlere Wanderung verwandelt. Die Sonne steht tief und die Brandung wird immer stärker. Rechter Hand erhebt sich eine bedrohliche, erdige Klippe, von der eine abgebrochene Stelle den Strand verschüttet hat. Wir müssen klettern. Vielleicht hätten wir vorher unsere Ausgehklamotten durch etwas Praktischeres tauschen sollen.

Weiter vorne geht der Strand komplett in die Klippe über. Ein Trampelpfad führt über einen grasigen Hügel hoch in, bzw. durch einen dichten Wald. Der Pfad ist gut ausgetreten und man kann ihm mühelos folgen. Gelegentlich schreitet man durch eine Spinnwebe oder muss sich an hohem Gestrüpp vorbeimogeln. Ein kleiner Aussichtspunkt bietet einen Blick von der Klippe hinunter in die aufgewühlte See.


Schliesslich treten wir aus dem Wald heraus, wo der Weg in den westlichen Damm übergeht. Hier ist die Brandung am stärksten. Wie bereits erwähnt, herrscht hier in der Gegend vorwiegend Westwind. Der Weg macht keinen Spass, da hier am meisten Müll herumliegt.
Nach zwei Stunden haben wir die Runde geschafft. Bei allen negativen Eindrücken ist sie auf jeden Fall erlebenswert. Wir würden sie allerdings nicht mehr am späten Nachmittag durchführen. Die Dusche tut heute ganz besonders gut.
Obwohl wir noch einen Tag in Koronisia verbringen werden, widmen wir uns schon jetzt der weiteren Reiseplanung. Die Wetterprognosen wollen nicht so wie wir es für unsere beabsichtigte Route gerne hätten. Aber dieser Beitrag ist auch so schon lange genug, deswegen mache ich jetzt Schluss für heute. Schliesslich haben wir Urlaub.
